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Als das Gift vom Himmel fiel
Der Giftgasangriff vom 16. März 1988 – Kwestan Akram Faraj, die Präsidentin der Stadtverwaltung von Halabja, erinnert sich an die massenmörderische Attacke der Luftwaffe von Iraks Diktator Saddam Hussein.
Am Morgen des 16. März 1988 spürten viele Bewohner:innen der kurdischen Stadt Halabja im Nordosten des Irak, dass etwas nicht stimmte. Die Front des Iran-Irak-Kriegs war nahe gerückt, Flugzeuge kreisten über den Bergen. Doch niemand konnte ahnen, dass an diesem Tag mit dem Giftgasangriff der irakischen Luftwaffe auf die Stadt ein Kriegsverbrechen historischen Ausmaßes begangen werden würde.
Fast vier Jahrzehnte später sitzt Kwestan Akram Faraj in ihrem Büro im Rathaus. Sie ist, zum Zeitpunkt des Interviews, Präsidentin der Stadtverwaltung von Halabja – und eine Überlebende des Angriffs. Sie erinnert sich: „Wir waren zu Hause, und ein paar Tage zuvor war die Lage in Halabja aus den Fugen geraten“, sagt sie. „Weil keine Märkte und Schulen geöffnet waren.“
Viele Familien blieben in ihren Häusern. Manche hofften, der Krieg würde sie nicht erreichen. Andere bereiteten sich darauf vor, die Stadt zu verlassen. Doch die meisten Menschen warteten – so wie Kwestans Familie. Als die Bombardierung begann, änderte sich alles innerhalb von Minuten.
„Während Halabja bombardiert wurde, war ich hier“, sagt Faraj. Zuerst glaubten viele Bewohner noch an einen konventionellen Luftangriff. Doch bald bemerkten die Menschen etwas Ungewöhnliches: den Geruch. Zeitzeugen berichten von einem süßlichen Duft nach Äpfeln oder Knoblauch – typische Hinweise auf Nervengase wie Sarin oder Tabun. Faraj erinnert sich vor allem an das Chaos. „Ehrlich gesagt ist es eine Tragödie, dass es denen schwer zu beschreiben ist, die es nicht selbst gesehen haben."
Als die Bomben einschlugen, strömten Tausende Menschen aus Halabja hinaus in Richtung der umliegenden Dörfer und Berge. Ganze Familien rannten durch die Straßen, viele ohne Schuhe, ohne Gepäck, ohne zu wissen, wohin sie sich wenden sollten. Alte Menschen wurden getragen, viele brachen unterwegs zusammen. Ein Ziel der Flüchtenden war das Dorf Ababayle außerhalb der Stadt. Dorthin flohen auch Kwestans Angehörige. „Wir sind von Halabja dorthin gelaufen“, sagt sie.
Einige Menschen fielen plötzlich zu Boden; andere verloren das Bewusstsein oder bekamen Krampfanfälle. Kinder starben in den Armen ihrer Eltern. Die Nachricht verbreitete sich schnell: Halabja war mit Giftgas angegriffen worden. Die Chemiewaffen töteten innerhalb weniger Stunden nach Schätzungen bis zu 5 000 Menschen. Zehntausende wurden verletzt oder erkrankten dauerhaft. Viele leiden bis heute an Krebs; die genetischen Schäden sind enorm, wie Studien zeigen: Die Zahl der Fehlgeburten und genetisch geschädigten Babys lag in den folgenden Jahrzehnten weit über dem Landesdurchschnitt. Der Angriff vergiftete die Luft, das Wasser und den Boden. Iranische Soldaten warnten die Überlebenden später, nicht zurückzukehren. „Halabja war nicht mehr bewohnbar, und es gab dort weder Nahrung noch Ressourcen“, sagt Faraj.
Nach dem Angriff erklärte die irakische Regierung Halabja zu einer verbotenen Zone. Viele Bewohner lebten jahrelang in Lagern oder bei Verwandten in anderen Regionen. Erst nach dem kurdischen Aufstand 1991, der die Region von der Herrschaft des Diktators Saddam Hussein befreite, kehrten einige Familien zurück. „Bis zu dieser Zeit durfte niemand dorthin“, sagt Faraj, die mit zu den Ersten gehörte, die zurückkehrten. Was sie vorfanden, war eine Stadt voller Ruinen.
Mittlerweile ist Kwestan Akram Faraj eine der führenden Politikerinnen der Stadt. Für sie ist die Geschichte der Stadt untrennbar mit dem Angriff verbunden. „Aufgrund dieses schweren Verbrechens, das Halabja widerfahren ist, sind wir Mitglied vieler internationaler Organisationen“, etwa Netzwerken von Städten und Institutionen, die gegen Chemiewaffen kämpfen. Doch trotz der zeitweisen hohen internationalen Aufmerksamkeit fehlt es Halabja noch immer an Infrastruktur, Arbeitsplätzen und medizinischer Versorgung für viele Opfer.
Der Giftgasangriff auf Halabja war Teil einer gezielten politischen Strategie. Von 1980 bis 1988 befand sich der Irak im Krieg mit dem Iran. Für das Regime von Saddam Hussein geriet dabei eine Region besonders in den Fokus: die kurdischen Gebiete im Norden des Landes. Viele kurdische Gruppen kämpften seit Jahrzehnten für mehr Autonomie oder Unabhängigkeit. Während des Kriegs wurden einige aus taktischen Gründen vom Iran unterstützt. Für Saddam Hussein galt dies als Verrat. 1987 begann die irakische Führung deshalb eine militärische Zerstörungskampagne mit dem Namen Anfal (zu Deutsch: Beute, zugleich Titel einer Sure des Koran). Ziel war es, die Kontrolle über die kurdischen Regionen vollständig wiederherzustellen und jede Form von Widerstand zu zerschlagen. Tausende Dörfer wurden zerstört, Bewohner deportiert oder in Lagern interniert. Zehntausende verschwanden in Massengräbern.
Kurz vor dem Giftgasangriff hatten in Halabja kurdische Kämpfer gemeinsam mit iranischen Truppen die Stadt eingenommen. Für Saddam Hussein war dies nicht nur ein militärischer Rückschlag, sondern auch eine symbolische Herausforderung seiner Macht. Die Stadt wurde deshalb zum Ziel eines Angriffs, der ein klares Signal senden sollte. Denn Chemiewaffen hatte die Armee schon zuvor gegen iranische Truppen und Dörfer in Kurdistan eingesetzt. Der Giftgasangriff auf Halabja richtete sich aber erstmals gegen eine ganze Stadt.
Möglich wurde das irakische Chemiewaffenprogramm auch durch internationale Unterstützung – darunter Unternehmen aus Europa und insbesondere aus der Bundesrepublik Deutschland. In den achtziger Jahren exportierten mehrere westdeutsche Firmen Technologien, Anlagen und sogenannte dual-use-Chemikalien in den Irak, also Stoffe, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können. Besonders häufig genannt wird dabei die Firma Karl Kolb GmbH aus Dreieich bei Frankfurt. Auch Unternehmen wie Pilot Plant, Preussag oder Water Engineering Trading waren beteiligt.
Mit diesen Anlagen konnte der Irak große Mengen an Senfgas sowie Nervengase wie Sarin oder Tabun produzieren. Offiziell wurden viele Lieferungen als zivile Chemieprojekte deklariert, etwa als Anlagen für die Pestizidproduktion. Tatsächlich dienten sie jedoch dazu, eine industrielle Infrastruktur zur Herstellung chemischer Kampfstoffe aufzubauen.
In Deutschland lösten diese Enthüllungen Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre vor allem auf Druck der USA mehrere Strafverfahren aus, einige wenige Urteile wegen illegaler Exportgeschäfte folgten. Für die Opfer von Halabja spielte diese juristische Aufarbeitung kaum eine Rolle: Entschädigungen für sie blieben aus.
Heutzutage stehen in Halabja Denkmäler für die Opfer. Schulen unterrichten die Geschichte des Angriffs. Jedes Jahr am 16. März versammeln sich Menschen auf dem zentralen Platz der Stadt. Sie erinnern an die Toten. Und an das Gift, das vom Himmel fiel.